Liberating Gelsenkirchen

Der lange Weg zum 10. April 1945

Wiederaufbau

Der Wiederaufbau bezieht sich nicht nur auf die Reperatur und Neuerrichtung zerstörter Gebäude, auch das Schulsystem, die örtlichen Verwaltungen und Gemeinden mussten neu aufgebaut werden. Dabei sollte die Entnazifizierung (Entfernung von Nazi-Kadern aus öffentlichen Ämtern) eine wichtige Rolle spielen.

Wie sich jedoch in den Jahrzehnten danach immer wieder herausstellte, wurde diese in den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht immer so gewissenhaft voran getrieben: Oftmals blieben Nazi-Funktionäre Bestandteile öffentlicher Behörden. Hochrangige Wissenschaftler wurden als "Kriegsbeute" von allen Siegermächten gerne aufgenommen und über dubiose "Rattenlinien" schafften es viele gesuchte Kriegsverbrecher nach Südamerika.

Es begann jedoch, vorangetrieben durch die britische Militärregierung, schon früh die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im neu geregelten Schulunterricht und der Wiederaufbau der zerstörten Gebäude schritt ebenfalls zügig voran, wenn auch in Gelsenkirchen die Industrieanlagen schneller fertig wurden, als der dringend benötigte Wohnraum.

Schwerter zu Pflugscharen

Die allgemeine Versorgungsknappheit sorgte durch alle Bevölkerungsschichten hindurch für einen enormen Erfindungsreichtum: Aus den Hinterlassenschaften des Krieges wurden mit wenig Aufwand nützliche Alltagsgegenstände hergestellt.

Auch deutsche Uniformen wurden lange nach dem Krieg weiter getragen und wer in originalen Farbfilmaufnahmen aus der unmittlbaren Nachkriegszeit genau hinschaut, der erkennt viele rote Mädchenkleider hergestellt aus Hakenkreuzfahnen.

Seltener zu finden ist so genannte Notbekleidung aus Uniformen und Ausrüstung der Befreier: US-Soldaten durften Teile ihrer Uniform und Ausrüstung verschenken, jedoch hatte hier die Zivilbevölkerung Ausrüstung aus Stoff schwarz zu färben, damit sie nicht mit Soldaten verwechselt wurden. Das stellte sonst im besten Falle eine Amtsanmaßung dar, im schlimmsten Fall zog es jedoch ein Verfahren wegen Spionage nach sich, welches bis zum Todesurteil ein weites Spektrum an drakonischen Strafen nach sich ziehen konnte.

Oft noch viele Jahrzehnte nach dem Krieg waren diese Gegenstände im täglichen Gebrauch und geben heute noch einen eindrucksvollen Einblick in die Vergangenheit.


Lohnsteuerkarte 1944/46

Ein sehr anschauliches Relikt ihrer Zeit ist diese Steuerkarte, die das Jahr 0 (1945) komplett ausblendet.

Die oftmals vernichteten Unterlagen, zerstörten Betriebe und andere Kriegseinflüsse haben eine Steuerberechnung für das Jahr 1945 schlicht unmöglich gemacht.

Die Eintragungen Steuergruppe 3, verheiratet und 1 Kind werden heute noch verwendet.



Personalausweise der britischen Zone

 

Bis zum 1. Januar 1951 sahen die deutschen Personalausweise aus, wie die beiden hier gezeigten Beispiele. Auf Grund des Status als Besatzungszone oblag es der (hier britischen) Militärregierung Ausweispapiere auszustellen. Erst ab 1951 gab es dann Ausweispapiere der Bundresrepublik Deutschland.


Rundschreiben des Lehrerverbandes

In diesem Rundschreiben vom Juni/Juli 1948 geht es im allgemeinen um alle wichtigen Themen, die die Lehrerschaft in der britischen Zone wissen oder mit ihren Schülern besprechen sollten.

In erster Linie geprägt vom Wiederaufbau des Schulsystems und des frisch gegründeten Allgemeinen Deutschen Lehrer und Lehrerinnenverbandes (ADLLV) drehen sich die Themen rund um die Organisation des Lehrerstandes als Gewerkschaft.

Daneben werden aber auch hochpolitische Themen angesprochen, wie die Reaktion von Schülerinnen und Schülern auf die Vorführung eines Filmes, der die Judenverfolgung zum Thema hatte und die daraus resultierende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Eltern.


Wiederaufbau der Christuskirche

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren besonders geprägt vom Wiederaufbau der Stadt. Noch heute ist das Stadtbild deutlich von dieser Zeit geprägt.

Besonders der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen war für die jeweiligen Gemeinden ein wichtiger Schritt hin zur Normalität.

Exemplarisch dafür möchten wir hier die Christuskirche in Bismarck erwähnen. Bereits 1940 wurde die Kirche durch einen Bombeneinschlag im Altarraum so sehr beschädigt, dass keine Gottesdienste mehr in der Kirche stattfinden konnten. Im November 1944 wurde die Kirche nochmals von mehreren Bomben getroffen, die zum Einsturz des Daches führten.

Über die Wiedereinweihung wurde im Dezember 1950 zweimal im Gelsenkirchener Stadtanzeiger der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dem Nachfolger der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung, berichtet.


Neues Testament

Dieses Neue Testament erreichte Gelsenkirchen als Teil einer Spende der American Bible Society in New York an das Hilfswerk der evangelischen Kirchen in Deutschland.

Spannend ist hier der Hinweis darauf, dass diese Bibel durch die Nachrichtenkontrolle der alliierten Militärregierung freigegeben wurde. Dabei handelte es sich um ein normales Prozedere in den Jahren des Wiederaufbaus. Es galt zu verhindern, dass durch unscheinbare Publikationen erneut nationalsozialistisches Gedankengut in der Bevölkerung verbreitet wurde.

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