Liberating Gelsenkirchen

Der lange Weg zum 10. April 1945

Irma ten Elsen - Feldpost aus Gelsenkirchen

Briefe aus dem Jahr 1944

Gelsenkirchen 6.1.1944

Mein lieber Günter!

Herzlich danke ich dir für das hübsche Foto und deine lieben Zeilen vom 19.12. Du bist wirklich nachsichtig! Aber trotz deiner Güte, soll es nicht mehr vorkommen, dass ich mit der Maschine schreibe! Das Händchen ist tatsächlich wieder heile! Ach, Günter, es tut mir so gut, dass du besorgt um mich bist! Gott sei Dank, haben wir hier in unserer Stadt noch keinen Terrorangriff aushalten müssen! Aber dagegen verstehe ich deine Sorge um die Deinen! Hoffentlich ist ihnen nichts passiert! Ich will beide Daumen drücken, dass du recht bald beruhigende Nachricht von daheim bekommst! Wenn auch Hab und Gut verloren gehen, so glaube ich, ist es ein großes Glück das Leben der Angehörigen gerettet zu wissen!! In welcher Gegend Groß-Berlins wohnen denn deine Lieben? Vielleicht hast du inzwischen schon Nachricht erhalten und bist schon auf dem Wege nach Berlin, um während eines kurzen Sonderurlaubs nach den Rechten zu sehen! Es gibt ja auf Grund eines größeren Fliegerschadens Urlaub!

Oh, jetzt habt ihr auch Feindberührung? Ich bin immer im Glauben gewesen, du mit deinen Männern seid nur zum Musizieren da! Jetzt werde ich aber unruhig werden, wenn ich mal längere Zeit keine Post von dir erhalte! Ich bin nun auch ohne deine jetzigen Verhältnisse zu kennen, der Ansicht, dass es in N. besser war!

Das ist ja fein von dir, dass du mir ein weiteres Bildchen senden willst! Im Augenblick bin ich nicht in der Lage mich zu revangieren, da ich lange Zeit keine Aufnahmen mehr gemacht habe. Aber im Frühling und Sommer soll dich nundies kleine Bild erfreuen!

Ach, lieber Günter, ob sich mein größter Wunsch wohl in diesem neuen Jahre erfüllen wird? Ich hoffe es von ganzem Herzen! Einmal möchte ich dich spielen sehen und hören! Am Klavier! Geht dieser Wunsch wohl in Erfüllung? Das Jahr ist ja so lang, viel kann in einem Jahr passieren, viel sich ändern!

Ich sitze neuerdings wieder viel am Klavier! Einige Schlager gelingen mir so gut, dass ich viele Wünsche erfüllt und des abends schon mal spiele. Wäre natürlich ein Könner unter "meinem Publikum" so wagte ich mich gar nicht ans Instrument! Wenn ich auch nicht die nötige Fingerfertigkeit besitze, so kann ich aber von mir ruhig sagen, ohne zu renommieren, der sitzt bei mir! Und manchmal, dann fallen mir immer so kleine Meldodien ein, aber meist werde ich, durch einen hereintretenden Gast gestört und die Lust vergeht mir! Anbei eine kleine Probe meiner Einfälle. Ich erbitte dein ehrliches Urteil. Es ist nur der Anfang eines Stückes! Auslachen darfst du mich auch, wenn du es für richtig findest, aber musst es mir auch schreiben, dass du darüber gelacht hast. Für heute, mein lieber Günter, will ich Schluss machen. Nochmals meinen innigsten Dank für deine lb. Weihnachts- und Neujahrsgrüße! Viel Glück im neuen Jahre! Möge es dir alles erfüllen, was du dir vom ihm erwünschst!

Für heute viele liebe Grüße. Denke bald wieder an deine Irma

 

Gkn. den 28.1.1944

Lieber Günter!

Heute hörte ich im Wehrmachtsbericht von einem erneuten Terrorangriff auf deine Heimatstadt! Hast du schon vom letzten Nachricht bekommen, wie es den Deinen geht! Du wirst nun wohl in großer Sorge sein! Wie du schon einmal schriebst, ist es ja die Hauptsache, wenn man mit dem Leben davon kommt! Und doch ist es für die Betroffenen entsetzlich, ausgebombt zu sein!

Lieber Günter, ich werde beide Daumen drücken, dass du von daheim gute oder wenigstens nicht zu schlechte Nachricht erhälst!

In der Hoffnung bald einen deiner lieben Briefe zu erhalten, grüße ich dich herzlich! Deine Irma

 

Gelsenkirchen den 7.2.44

Mein lieber Günter!

Empfange meinen herzlichsten Dank für deine lieben Zeilen! Mich schmerzt schon wieder meine rechte Hand, an der ich punktiert worden bin!! Bitte, entschuldige die Schrift!

Ich freue mich mit dir, dass du endlich von daheim beruhigende Nachrichten bekommen hast! Hoffentlich bleibt es auch in Zukunft so, denn es waren nicht die einzigen Angriffe auf die Reichshauptstadt. Zu kurios, gerade lese ich deine Zeilen, in denen du es gut heißt, dass mein Händchen wieder heil ist und nun im Gelenk bei der leistesten Bewegung wieder dieser Schmerz! Vorläufig lässt es sich noch aushalten. Es wurde mir ja voraus gesagt, dass die Schmerzen wieder kommen. Es kam darauf an, ob die Hand nicht zu viel strapaziert wurde! Und ich hatte gleich, als die Hand noch kurz nach der Behandlung in Vereisung erstarrt war, mit dem Verband Bier gezapft!! Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich daran denke, "wie" ich das gemacht habe!! Nun muss ich wohl in ein oder zwei Monaten mich einer erneuten Behandlung unterziehen. Aber wenn mir im Laufe der nächsten Zeit nicht schlimmeres zustößt, so will ich von Herzen dankbar!

8.2.1944

Ich kann es gar nicht fassen! Stelle dir nur vor, ich habe vom hohen Arbeitesamt eine Vorladung für Morgen früh erhalten. Ich weiß nicht, was die von mir wollen! Meine Mutter und ich machen doch den Haushalt und Geschäft alles ohne jegliche Hilfe! Mein Vater ist schon über ein Jahr für Polizei eingezogen! Man kann meiner Mutter doch nicht zumuten noch alles allein zu schaffen! Das geht unter keinen Umständen. Ich will meine Mutter noch recht lange behalten. Jedenfalls werde ich mich nicht kleinkriegen lassen! In unserer Familie ist kein Feigling, ich hätte mich auch schon längst zur Verfügung gestellt, wenn meine Mutter einen vollwertigen Ersatz für mich hätte! Aber unter diesen Umständen muss das Arbeitsamt doch wohl ein bisschen Verständnis aufbringen! Abwarten!

Nun zu dem geliebten Thema; der Musik! Wie kommt das, Günter, in letzter Zeit fühle ich starkes Verlangen nach ernster Musik?! Das heißt keinesfalls, dass ich nun der heiteren Muse, wie man wohl sagt, ade gesagt hätte, nein, das nicht, doch höre ich nunmehr lieber Opernmusik! Allerdings reicht meine musikalität, oder besser gesagt, mein Musikverständnis noch nicht dazu, unsere großen Meister zu verstehen! Dazu gehört ein berufener, der einem die Musik verständlich macht, nicht wahr? Vorerst bin ich schon zufrieden, eine schöne Oper hören zu können! Z.B. das Liebesduett aus Bohemé, ein Motiv aus La Traviata (ich werde einmal versuchen, da ich den Namen des Motives nicht kenne, mich dir in Worten verständlich zu machen) und so viele andere. Mein Lieblingsstück ist der Liebestraum von Liszt (habe ich den Namen richtig geschrieben?). Nun besteht hier zwischen einem sehr musikliebenden Gast und mir eine Meinungsverschiedenheit, betreffs des Liebestraumes! Er behauptet, die Melodie, die ich ihm als Liszt vorspielte, sei die Träumerei von Schumann! Da besteht doch ein Unterschied und Liszt und Schumann! Nun will ich dich einmal fragen, du sollst entscheiden, wer die Musik verwechselt. Ich bin meiner Sache sicher! Beiliegend die Anfangsmelodie!

10.2.1944

Günter, ich danke dir für dein Urteil! Es freut mich, dass dir die Melodie gefällt! Ich kann mir aber nicht denken, dass ich gestohlen habe, denn die Weise hörte ich noch niemals! Du hast recht, Günter, ich werde da Kreuze setzen. Warum habe ich es mir nur so umständlich gemacht?! Eben habe ich einmal eine Begleitung dazu versucht. Noch etwas lückenhaft, doch mir gefällt sie. Ich schreibe sie dir mal in rohen Umrissen dazu! Du, Günter, dein Vorschlag ist großartig, dass fällt mir jetzt eben auf, als ich es so spiele, wie du es meinst! Aber trotzdem sende ich dir den Entwurf zur Begleitung. Die ersten Takte sind in c dur gesetzt nur im 7 Takt (g fis g) ließ ich in den Haupttönen (die stehen bis jetzt noch allein da!) die Begleitung die zweieinhalb Takte mitspielen. Jedoch in folgenden Tönen e cis e f e d c! Wie findest du das?! Klingt nicht schlecht! Bitte, dein Urteil, gestrenger Meister! Doch wenn du meinst, dein Vorschlag klinge besser, so lasse es mich wissen!

Nun, mein lieber Günter, will ich es gut sein lassen, sonst langweile ich dich am Ende noch! Auch sorgt mir meine Hand genug!

Aber, oh je, du hattest vorigen Monat Geburtstag und ich habe dir nicht gratuliert!! Bitte, bitte, entschuldige! Nachträglich, mein lieber Günter, empfange die allerherzlichsten Glückwünsche, möge es dir vergönnt sein, dein nächstes Wiegenfest im Kreise deiner Lieben von den Hindernissen des Krieges befreit, feiern zu können!! Das wünsche ich dir von ganzem Herzen!

Gerade erreicht mich die unfassbare Nachricht, dass in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch die gute Mutter meiner Freundin das zeitliche gesegnet hat! Das arme Ding! Hat der Sensenmann denn noch nicht genug mit den Opfern des Bombenterrors?!! Ich kann es immer noch nicht begreifen! Nun nimmt der Brief noch solch ein trauriges Ende! Aber ich musste es einem Menschen mitteilen! Entschuldige!

Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief!

Die allerherzlichsten Grüße und viel Soldatenglück! Deine Irma

 

Gelsenkirchen 16.3.1944

Mein lieber Günter!

Nach langem, ungeduldigem Warten, erreichte mich endlich dein Brief vom 4. d.M. Ich danke dir recht herzlich dafür! Du musst nicht denken, dass ich damit einen Vorwurf aussprechen will, da du nicht sofort wiederschreiben konntest! Nein, das kann ich verstehen, dass es bei dir nicht so flott geht, wie bei mir! Aber seid du in I. bist und einmal von der Begegnung mit den Banden schriebst, habe ich oft Angst, dir sei etwas passiert, wenn ich mal länger nichts von dir höre! Aber im Augenblick ist die Befürchtung ja grundlos.

Ich freue mich, dass den Deinen der Bombenterror nichts ernstliches anhaben konnte. Hoffentlich geht es weiterhin gut! Es ist jedoch höchst bedauerlich, dass gerade dein Zimmer das Opfer war! Aber nach dem Kriege wirst du dir wieder alles hübsch ersetzen. Es freut mich, dass dich meine stümperhafte Niederschrift der Noten interessiert! Das ist mir aber neu, dass ein Tango, also ein Tanzstück, das Motiv aus La Traviata als Melodie hat! Solch eine Geschmacklosigkeit kann auch nur einem Judengehirn entspringen, nicht wahr?

Oh, Günter, du als großer Könner, entschuldigst dich vor mir kleinem Lichte für etwaige kleine Fehler in der Notenschrift! Das darfst du nicht! Die würden mir ja auch gar nicht auffallen! Aber du kannst beruhigt sein, ich habe nach deinen Noten gespielt und keinen rhytmischen Fehler entdecken können! Eher könnte ich beschämt sein, dir die Noten von Liszt so stümperhaft aufgeschrieben zu haben. Aber ich hoffe du wirst ein Nachsehen haben, denn in der Harmonielehre scheine ich geschlafen zu haben! Aber ich schiebe noch heute die Schuld meiner mangelden Kenntnisse meinen Klarvierlehrern zu. Zur Zeit meines Unterrichts nahmen wir einen Wohnungswechsel vor und nach kurzer Zeit bekam ich dann einen anderen Lehrer. Jeder hatte eine andere Lehre, wenn ich einmal so sagen darf! Der erste Lehrer, den ich hatte, (ich war damals 11 Jahre alt, gerade im flegelhaften Alter, wenn ich so sagen darf) war ein Meister auf dem Klavier, selbst ein junger Mann, viel mir das Lernen bei ihm leicht. Nach ihm bekam ich einen alten Lehrer, wahrlich ein sehr krasser Gegensatz. Seine Lehre ging nach dem Vorbild der Bisping-Rose-Klavierlehre! Ich weiß nicht, ob du dieses verteufelt rote Buch kennst! Frivol war es dann von mir, nach seinem plötzlichen Tode von Herzen frei zu sein! (Die Hauslehrer waren außer dem ersten Scheins immer ein Missgriff!) Der letzte Lehrer, im Alter seinem Vorgänger gleich, nahm mir jegliche Lust am Klavierspiel. Ganz leicht gesetzte Schlager ließ er mich spielen und üben! Zum Überdruss "komponierte" der gute Mann auch noch Klavierstücke für vier Hände! Nur immer verging keine Stunde ohne diese Ergüsse! Es schmeichelte ihm scheinbar seine Komposition zu hören! Ich habe bald darauf gestreikt, auch kam es meinen Eltern, trotz ihrer Unzufriedenheit gelegen, da ich ununterbrochen im Geschäft gebraucht wurde! Was ich heute kann, habe ich mir selbst eingeübt! Siehst du, da ist meine mangelhafte Kenntniss kein Wunder!

Nun habe ich dich sicher gelangweilt, im nächsten Brief bessere ich mich! Nein, Günter, die Edeltraud, mit der ich damals an dem glücklichen Tage im Cafe war, ist es nicht. Meine andere Freundin hat diesen Verlust erlitten. Nun ist die Zeit für mich gekommen, um sie zu zerstreuen. Ich freue mich, dass ich das darf. Denn ihre Mutter würde, wenn sie es könnte, sicher ihre Zustimmung geben.

Lieber Günter, viele Grüße empfange von deiner Irma

 

Gelsenkirchen, den 5. Mai 44

Lieber Günter!

Von ganzem Herzen danke ich dir für deinen lieben Brief! Er hat mir eine große Sorge abgenommen! Es ist mir eine große Beruhigung, dass es dir gut geht! Wenn ich nun künftig jeden Monat die Nachricht bekomme, dass es dir gut geht, bin ich restlos beruhigt!

Es ist bedauerlich, dass du mir nicht schreiben darfst, wo du liegst! Ob in Nähe der i. Front, oder weiter hinten nach Norden herauf, in Nähe der Hauptstadt! Ich kann mir so gar kein Bild machen, wie wohl dein Tageslauf ist! Um dein Reiten habe ich dich ja schon in N. beneidet! Ich hatte, kurz bevor der Krieg ausbrach, Gelegenheit, hier in Gelsenk. in der Reitbahn mich im Reiten unterrichten zu lassen. Im Augenblick ist mir entfallen, was mich damals abhielt, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, doch würde mir heute noch einmal die Hand entgegengestreckt, ohne Bedenken würde ich das Versäumte nachholen! Aber ich habe mir geschworen, es nach dem Kriege weit besser zu machen und dann endlich meine Zukunftsträume zu verwirklichen! In meinem Beruf kann ich was und leiste dementsprechend was! Das wird schon, wie es in der Soldatensprache heißt, "hinhauen"! Doch weiter will ich nichts schreiben, ich fürchte, ich langweile dich mit meinen Angelegenheiten! Zurück zu dir, dass ist ein viel interessanteres Thema! Oh, gerade erklingt im Rundfunk aus Peer Gynt Solveigs Lied! Ich finde die Melodie sehr schön! Ich sah einmal einen Film, an den Titel erinnere ich mich nicht mehr, da wurde als Abschluss des Films die letzte Szene mit diesem Lied untermalt! Und zwar spielte die letzte Szene im Operationssaal eines Krankenhauses, in welchem die Hauptdarstellerin mit ärztlichem Eingriff entbunden werden sollte! Das Lied begann, als sie vor ihrer Betäubung mit ihrem noch ungebohrenen Kind sprach, schon wissend, dass sie sterben würde! Solveigs Lied verklang, als die Frau nicht mehr unter den Lebenden weilte! Sehr sentimental, nicht wahr?! Jedoch hat mich der Film sehr ergriffen, schon während der ganzen packenden Handlung, besonders aber wühlte mich dieser Schluss auf! Hauptsächlich durch Griegs Melodie! Ich glaube, wenn ich einmal ernstlich krank würde und dann Solveigs Lied höre, würde es mir schaden! Überhaupt schwere Musik! Ich weiß es aus Erfahrung, wie solche Musik aufwühlt! Als ich damals noch in der Klosterschule war, es war kurz vor meiner "Flucht", hatten wir anlässlich eines klösterl. Gedenkens eine kleine Feier! U. a. spielte eine Nonne auf dem Harmonium das "Ave Maria". Und die ganzen Begleitumstände meiner damaligen "Gefangenschaft" brachten es mit sich, dass ich prompt in lautes Schluchzen ausbrach, was natürlich meinen sofortigen Rausschmiss aus der Aula als Störenfried zur Folge hatte! So reagierte ich schon damals auf die Musik unserer großen Meister! Nun bin ich so richtig ins Plauschen gekommen! Aber ich darf heute mal allerlei erzählen, denn ich habe dir ja lange nicht mehr geschrieben!

Nun steht dir ja wieder eine große Freude bevor! Der Urlaub! Na, wenn du dann wieder nach Schlesien fährst, dann sind ja alle Voraussetzungen für eine schöne, ruhige Urlaubszeit gegeben.

Seit zwei Jahren gibt es leider für mich keinen Urlaub mehr! Allerdings konnte ich in der Zeit für ein paar Tage zu Verwandten oder Bekannten fahren, aber das sind nicht die gewohnten Urlaubsfreuden! Doch wie ich vorhergehend schon betonte, wird nach dem siegreichen Ende des Krieges für mich auch in der Beziehung sich vieles ändern! Bis dahin fasse ich mich in Geduld und erfülle meine Pflicht! Wenn nicht vorher das Schicksal es anders bestimmt!

Heute bekamen wir Nachricht von meiner Tante aus Essen. Bisher hat sie allerdings bei jedem Angriff kleinere Schäden zu verzeichnen gehabt, doch immer noch Glück gehabt, bis sie beim letzten Angriff total totalgeschädigt wurde! Fürchterlich, dieses Leid! Und im Unglück kann man es immer noch als Glück bezeichnen, dass bei meinen Verwandten kein Todesopfer zu beklagen ist!

Wer weiß, wie lange es noch dauert und Gelsenkirchen wird auch von den Luftpiraten angegriffen. (ebenfalls ang) Entschuldige bitte! Man hat ja heute einen treffenden Namen für meine Heimatstadt gefunden. Man nennt uns allerorts sogar bis zur Ostfront ist es durchgedrungen, der Name: Zitterstadt im Wartegau! Es ist auch so, jeden Abend fragen wir uns, sind wir heute Nacht dran? Meine Mutter, tut diese Bedenken alle mit ihrer Formel beiseite: Es ist alles Bestimmung, was einem Menschen von der Vorsehung bestimmt ist, ereilt ihn, gleich wo er sich befindet! Seinem Schicksal kann der Mensch nicht aus dem Wege gehen, es läuft ihm nach!! Ich kann dieser seltsamen philosophischen Betrachtung nicht voll und ganz zustimmen. Was meinst du dazu, Günter?

Nun will ich schließen, genug der Rede! Ich fühle mich heute auch nicht so richtig wohl! Wir bekamen vor kurzer Zeit Sekt und französischen Rotwein geliefert und da unsere Gäste befürchten, dass köstliche Nass könne einem Angriff zum Opfer fallen, (wird befürchten das Gleiche), so trinken wir regelmäßig an meines Vaters freien Abenden so etliche Flaschen! Gestern war es fast des Guten zuviel!

Lieber Günter, mich würde es sehr freuen, bald wieder etwas von dir zu hören. Meine guten Wünsche begleiten dich stets! Viele herzliche Grüße empfange von deiner Irma

 

Gelsenkirchen, den 1. Juli 1944

Mein lieber Günter!

Sei vielmals bedankt für deine lieben Zeilen! Sie haben mich diesmal besonders erfreut! Erstens aus dem Grunde, weil deine Briefe in letzter Zeit so rar sind, aber darum auch bei dir eine größere Freude auslösen und zum anderen hat es mich beglückt, dass du schreibst, du denkst ab und zu schonmal an mich! So bei den schönen Weisen von Grieg! Ich danke dir!! Du weißt vielleicht gar nicht, was du mir mit deinen Zeilen gibst!! Aber nun beginne ich Unsinn zu schreiben! Weg mit den Gedanken! Aber das kommt davon, da man bei diesem terrorisierenden Luftkrieg unserer Feinde gar nicht weiß, ob man den nächsten Tag noch erlebt und so aus seinem Herzen keine Mördergrube macht! Vor ungefähr zwei Wochen hätte es uns auch beinahe geschnappt! Doch ein anderer Stadtteil unserer Stadt ist gänzlich vernichtet worden! Und mit ihm große Teile eines Benzinwerkes! Halt! Darf ich das in einem Fp-Brief schreiben?! Ich glaube doch, denn hier kann der "schwarze Mann" ja nicht lauschen! Wir sind nur mit einem großen Schrecken von ab gekommen! Und wie lange geht es noch gut?! Als kurz nach der sensationellen Nachricht von der von uns schon so lang erwarteten, Invasion unserer Gegner, die Vergeltung Wahrheit wurde, ging ein befreiendes Aufatmen durch die Reihen der schwer eimgesuchten Menschen in Stadt und Land! Jetzt heißt es noch mehr als vorher, aushalten und Zähne zusammenbeißen, denn sie bekommen es ja nun doppelt und dreifach wieder! Ich habe mich nun schon oft mit Arbeitern und Urlaubern über die neue Lage unterhalten können und zu meiner Freude konnte ich feststellen, alle sind nun von dem Gedanken beseelt, nun noch besser zu arbeiten und zu kämpfen und auch noch die kleine Strecke, die uns noch vom siegreichen Ende trennt, zu überwinden! Ich für meine Person bin der festen Überzeugung, dass in diesem Jahre noch die Entscheidung fällt! Was meinst du, Günter, du hast ja als Soldat einen besseren Blick!

Aber, Günter, von der schrecklichsten Zeit meiner Jugend habe ich dir noch nichts erzählt?! Ich glaube, ich hatte im Anfang unseres Briefwechsels eine Andeutung gemacht, nicht wahr?! Aber ich würde dich mit ausschweifenden Schilderungen langweilen! Du begeisterst dich doch so für Musik und ich habe festgestellt, will man den Weg zu deinem Herzen finden, dann nur mit Musik, nicht wahr? Aber den ergötzlichen Abschluss meiner kaum 3/4 jährigen Zöglingszeit will ich dir mitteilen! Ein Zeichen, dass ich schon als Schulkind temperamentvoll war!! Ich bin nämlich ganz einfach ...... ausgerissen!!! Ja, das habe ich fertig gebracht! Allerdings, wenn es dich interessiert, erzähle ich dir gern einige Einzelheiten!

Nun bin ich zum Schluss gekommen! Montag muss ich geschäftlich für eine kurze Zeit verreisen. Das muss dann auch zur Hälfte eine kleine Ferienreise werden. Hoffentlich ändert sich das Wetter noch!

Nun wünsche ich dir weiterhin alles Gute! Schreibe mir bald einmal wieder! Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich deine Irma

 

Gelsenkirchen, den 30.8.1944

Mein lieber Günter!

Empfange meinen schönsten Dank für deine lieben, langen Zeilen! Ich habe mich sehr darüber gefreut, besonders über den Umfang deines Schreibens! Kann ich es mir persönlich als ein Verdienst anrechnen, dass du mir trotz deinem Mangel an Lust so viel geschrieben hast? Ich will es lieber nicht tun, sonst liefere ich mich noch deinem Spott aus, denn es liegt ja klar auf der Hand, dass man sich nach so langer Zeit viel zu berichten hat! Erledigt man dann alles in eins, so erübrigt sich ein weiterer Brief? Jedenfalls freue ich mich stets über deine lieben Zeilen, ganz gleich ob es wenige oder zahlreiche sind!

Du Ärmster, hast dich da mit solch einer Krankheit herumquälen müssen!! Weißt du, ich bin dumm, ich kann mit dem Begriff "Balkanfieber" nichts anfangen! Ist das nun eine Art Malaria, oder zu welcher Gattung gehört das Fieber?! Ist Sumpffieber nicht das gleiche? Jedenfalls ist die Krankheit bei ihrer Ungefährlichkeit doch sehr unerquicklich, nicht wahr? Du, wie ich gerade feststelle, wiegst du "nur" 2 Pfund mehr als ich! Bei gleicher Körpergröße nicht wahr? Sieh an! Da musst du aber eine sehr schlanke Figur haben! Das ist bei mir heute auch der Fall! Allerdings wog ich vor Kriegsanfang 130 Pfund! Besonders im Gesicht sah man es mir an! Nun ist das arme Gesichterl zu meinem Bedauern sehr spitz geworden! Im Augenblick weiß ich nicht mehr, welche Fotos älteren Datums eben aus meiner "guten" Zeit du von mir hast, aber eines ist bestimmt dabei, wo du es mir ansehen kannst! Vergleiche es mal mit dem neuesten Bild und du kannst den Unterschied deutlich feststellen. Zu diesem Zweck lege ich dir vier neue Aufnahmen bei, davon drei schnell zwischen Mittag und Abend uns gegenüber in einer Grünanlage geknipst wurden und das eine in Dortmund vor dem XXX! Hoffentlich gefallen sie dir auch so gut wie mir! Besonders das letztere gefällt mir ausnehmend gut, ich will es mir jetzt vergrößern lassen! Hast du nicht noch ein hübsches Bildchen für mich?

Aber Günter, seit wann koketierst du mit deinem Alter? Oder willst du von mir Komplimente hören?! Wie kannst du mit deinen 32 oder 33 Jahren (höchstens) von "Mittelalter" reden, wo ich oft zu meiner Erleichterung in den ominösen Heiratsanzeigen lese: "Junger Mann, 43 Jahre alt"!!! Männer unter 30 sind meines Erachtens auch etwas unfertig heute im Kriege, wo die jungen wie die alten durch die gleichen harten Kämpfe gehen müssen, kann man diesen Maßstab ja nicht mehr anlegen, aber es war doch so! Wenn erst das "vernünftige" Alter kommt, beginnen die Männer der Frauenwelt gefährlich zu werden! Besonders, wenn die Schläfen beginnen, grau zu werden! Das wirst du an dir selbst schon gemerkt haben! Du, Günter, ich möchte gern einmal deine Einstellung zur Frauenwelt wissen! Sicher gibt es doch auch Frauentypen, an denen du nicht so ganz uninteressiert vorüber gehst! Von der Seite möchte ich dich auch einmal kennenlernen! Ich glaube bestimmt, dass du während deines vergangenen Urlaubs auch ein kleines (oder sehr großes) Erlebnis hattest! Über dieses Thema bist du schrecklich schweigsam! Sollte vor Jahren dein Kamerad doch in etwa Recht gehabt haben, als er bemerkte, du seiest schüchtern?!! Nein, nein, das glaube ich nie und nimmer! Eher noch glaube ich, dass du verlobt oder verheiratet bist!! Ja, du lächelst, aber ist das so unwahrscheinlich?! Was weiß ich denn von dir, trotz der jahrelangen Briefbekanntschaft, weiß ich von dir selbst sehr wenig und fast alles von deinen Erlebnissen als Dirigent einer Musikkapelle und Soldat!! Ist es sehr vermessen von mir, dich zu bitten mir auch einmal einiges von deinem Leben vor dem Kriege zu erzählen?!! Besonders von deiner Meinung über das weibliche Geschlecht! Na, nun bin ich ja sehr gespannt auf deinen nächsten Brief!

Als gebührende Antwort auf deinen lieben, langen Brief muss ich doch nun ebensoviel mindestens schreiben. Und ich habe dir doch noch so viel zu erzählen, dass ich ein ganzes Buch füllen könnte! Im Gegensatz zu dir schreibe ich wieder sehr gern! Aber so lange will ich dich nicht aufhalten, ich kann auch das Wesentliche nach und nach erzählen!

Ich will nun deine Neugierde befriedigen und dir von der kombinierten Reise erzählen! In Essen ging es früh morgens, die Abfahrtszeit ist mir entfallen, ab. Zum Glück erhaschte ich in dem beschleunigten Personenzug, der schon gut besetzt war, einen schönen Fensterplatz! Findest du nicht auch, dass die in deutschen Diensten befindlichen ausländischen Wagen eine gefälligere Polsterung haben? Oder empfand ich es nur so? Jedenfalls habe ich es mir sehr bequem gemacht! Nur vermisste ich während der ganzen Fahrt eine angenehme Unterhaltung, das trägt bei mir viel zum Gelingen einer Eisenbahnfahrt bei! Doch mein Gegenüber sagte mir nicht zu, zumal es noch ein weibliches Wesen war, welches sich betont sportlich gab, welches in dem übertriebenen Maße abstoßend wirkt! Eine Frau soll meiner Meinung nach stehts fraulich bleiben und nicht versuchen den Herren der Schöpfung nachzuäffen! Auf diese Art und Weise hatte ich nun mehr Genuss von der vorüberhuschenden Landschaft! Sehr begrüßt habe ich es, dass der Zug durch fuhr! Es ging über Hagen, Elberfeld-Barmen ins Sauerland hinein! Dann über Siegen ins Gebiet Hessen-Nassau! Landschaftlich durchfuhren wir eine schöne Gegend! U.a. fuhr der Zug auch durch Altenhundem, Sauerl., wo ich im letzten Vorkriegsjahr meine Ferien verbrachte! Dann erreichte ich am frühen Nachmittag endlich Dillenburg (Luftkurort). Eine Stunde hatte ich Zeit bis zur Abfahrt des Bimmelzuges! Nach einer weiteren halben Stunde Fahrt mit dem Bimmelbähnchen war ich am Ziel! Nun stelle dir vor, es war eine derartig wichtige und unaufschiebbare und eilige Angelegenheit, dass ich ohne vorherige Anmeldung fahren musste! Zur Not hätte ich auch in diesem reizenden Nest Ewersbach auf dem Heuboden geschlafen. Ein Bekannter meines Vaters der dortige Bürgermeister war von meiner Anwesenheit sehr überrascht und sah mich auch ratlos der Beherbungsfrage gegenüber! Endlich, da Debus selbst auch keinen Platz in seinem Hause mehr hatte, bot mir sein Mitarbeiter eine behelfsmäßige Unterkunft an! Abends machte ich mit den netten älteren Leutchen einen wunderbaren Spaziergang, nach dem es sich abgekühlt hatte! Wie es mein Pech will, verrechnete der einzige freie Tag der mir über blieb, ganz und gar!! Dafür lernte ich den Dorfarzt kennen! Ein kleiner Casanova in einem Dorf! Nun kurz und gut, ich hatte alles geregelt, den verrechneten Tag ebenso herum gekriegt, da rief mich die Pflicht wieder heim. Am Morgen des Abreisetages goss es vom Himmel wie aus Eimern! In Dillenburg der Zug brechend voll! Nach einer halsbrecherischen Kletterei fand ich einen eng bemessenen Stehbplatz und nette Unterhaltung mit einem Gutsbesitzer und einem Reisenden in einem unbestimmten Artikel! Trotzdem ich stundenlang stehend und auf Koffern sitzend die Fahrt aushalten musste wurde es in unserem "Abschnitt" noch sehr lustig! Zweimal sind wir kontrolliert worden! Kinder und Gepäckstücke wurden durch Gang- und Abteilfenster gereicht!! Ich war auch für fünf Minuten im Besitze eines Kindes!! Das gab natürlich wieder Anlass zu galanten Bemerkungen seitens meiner Unterhalter! Alles in allem verging die Rückkehr sehr schnell! So, das war für dieses Jahr vorläufig die einzige und lezte Reise! Ob nun nach den neuen Einschränkungen im Reiseverkehr immernoch so sehr überfüllt sind?!

Nun, mein lieber Günter, muss ich dich wirklich bedauern, dass du dir alles so geduldig durchlesen musstest! Jetzt mache ich aber Schluss, sonst sinke ich deinem Ansehen! Oder mache ich dir wirklich eine Freude mit meinen Briefen? Es würde dann der Zweck erfüllt sein.

Für deinen Gesundheitszustand wünsche ich dir alles Gute! Sei auf das herzlichste gegrüßt von deiner Irma

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