Liberating Gelsenkirchen

... weil wir GEschichte L(I)EBEN!

Weimarer Republik

Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches am Ende des Ersten Weltkrieges breitete sich in Deutschland erstmals und noch sehr wackelig die Demokratie aus. Von Anfang an von wirtschaftlichen Krisen und instabilen Regierungskoalitionen überschattet, trugen häufige Neuwahlen und beginnende Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksradikalen Gruppierungen nur wenig dazu bei ein Vertrauen in die Demokratie entstehen zu lassen. Bis zum Ende der Französischen Besatzung herrschten Arbeitslosigkeit und Armut, die im Jahr 1923 während der Inflationszeit ihren Höhepunkt hatte.

Vielleicht oder gerade weil die schlimmste Zeit überwunden schien, breitete sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre eine ausgelassene Stimmung unter der Bevölkerung aus und man spricht von dieser Zeit von den "goldenen" 20er Jahren oder auch dem "Tanz auf dem Vulkan" - hinter der ausgelassenen Fassade begannen die politischen Spannungen immer mehr zu brodeln. Straßenkräfte zwischen Rechten und Linken gehörten durchaus zur Tagesordnung und mit dem Ende der 20er Jahre führte die nächste Wirtschaftskrise das Land unaufhaltsam in die Diktatur der Nationalsozialisten.

Alltag in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

Währung der 1920er Jahre

Trotz der politischen Änderungen am Ende des Ersten Weltkrieges blieb die Währung in der noch jungen Weimarer Republik teilweise unverändert bis zum Beginn der Hyperinflation im Jahr 1923: Eine Vielzahl neuer Banknoten und auch Münzen wurde gegen den Wertverfall gedruckt.

In der zweiten Hälfte der 20er Jahre wurde die Währung dann zunehmend "bunter" und es bestanden mit der Rentenmark, Reichsmark und Darlehnskassenscheinen existierten bis 1948 drei verscheidene Arten einer Währung.


Zeugnis-Heft

Dieses Zeugnis-Heft gehörte dem Schüler Heinrich Dierichs aus Horst-Emscher.

Eingeschult mit 6 Jahren im Jahre 1921 beinhaltet dieses Zeugnisheft Einträge bis 1925. Mit einem ganz ordentlichen Notendurchschnitt, regelmäßiger Teilnahme an Unterricht und Kirchenbesuchen gehörte Heinrich wohl eher zu den Kindern, die ausreichend Zeit für die Schule hatten und nicht in diesen schwierigen Jahren ihren Beitrag zur Ernährung der Familie leisten mussten.


Familien-Stammbuch

Stammbuch der Familien Wenker aus Gelsenkirchen.

Erstaunlicherweise haben sich Stammbücher bis heute inhaltlich kaum geändert.

1923 bis 1925: Französisch/belgische Besetzung des Ruhrgebietes

Als im Frühjahr 1923 die sich zuspitzende Finanzkrise absehbar macht, dass Deutschland die vereinbarten Reparationszahlungen nicht mehr an die Kriegsgewinner wird zahlen können, führte dies insbesondere durch Frankreich und Belgien zu drastischen Maßnahmen: Um die Leistung der Reparationszahlungen zu sichern, überschritten französche und Belgische Soldaten die Grenze und besetzten weite Teiles des Ruhrgebietes um direkt von der Quelle statt finanzieller Leistungen die Reparationen in Naturalien zu beschlagnahmen - da kam die Kohle im Ruhrgebiet gerade recht!

Bis 1925 dauerte die Besetzung an. Begleitet von zahlreichen (friedlichen und weniger friedlichen) Widerstandsaktionen der Bevölkerung, versuchten die Besatzungstruppen möglichst viel Geld und Material aus den besetzten Gebieten heraus zu pressen. Das führte unweigerlich zu völlig unnötigen Gewalttaten und Toten.

Berliner Illustrierte Zeitung vom 4. März 1923

Die Gelsenkirchener

Die ungeheure Nervenprobe, die es bedeutet, Woche nach Woche unter dem schweren Druck einer fremden militärischen Besetzung zu leben, und trotzdem unbeirrt nur der nationalen Parole des eigenen Volkes zu gehorchen, davon gibt aus dem aufregenden Kapitel der Ruhrbesetzung die Geschichte der Stadt Gelsenkirchen das eindringlichste Beispiel. Die Stadt war die ersten Wochen unbesetzt, die fremden Soldaten standen rings an der Stadtgrenze. Eine Tages wird wegen eines Zwischenfalls eine "Strafaktion" mit einer großen Truppenmenge gegen die Stadt unternommen, man entwaffnet alle Schutzpolizisten und führt sie gefangen ab. 2 Tage später kommen die Truppen wieder, diesmal um eine der Stadt aufgelegte Buße von 100 Millionen Mark einzutreiben. Die Stadtväter lehnen getreu den Weisungen ihres eigenen Landes die Forderung ab. Das Stadtoberhaupt wird verhaftet, ausgewiesen, fortgeführt, der Befehl an seine Vertreter wiederholt. Die Stadt lehnt wieder ab. - Die Gelsenkirchener haben ihre deutsche Pflicht unverzagt erfüllt.

Bild oben: Die große militärische Aktion der Franzosen gegen Gelsenkirchen am 18. Februar: Das Tank-Aufgebot zur Absperrung des besetzten Rathauses!

Bild Mitte: Beschlagnahme eines Privat-Autos durch eine französche Patrouille in Gelsenkirchen.

Bild unten links: Aufhalten der Züge an der Übergangsstelle vom besetzten ins unbesetzte Gebiet bei Scharnhorst

Bild rechts: Gesperrt Bürgersteige.


Ausweise der besetzten Gebiete

Während der Besatzung unterlagen die Einwohner bzw. Arbeitnehmer in den französisch besetzten Gebieten einer Ausweispflicht. Straßensperren mit Ausweiskontrollen durch bewaffnete Posten gehörten zur Tagesordnung.

Die Ausstellung der Ausweise lag bei den lokalen Dienststellen der Polizei. Dabei war es üblich, dass nicht immer die gleichen Ausweisformulare genutzt wurden.

1923: Wirtschaftskrise & Inflation

Neben der Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen, brachte das Jahr 1923 noch ein zweites großes Ereignis hervor, welches in den Augen der meisten Historiker den Weg für die Nationalsozialisten ebnete.

Die Finanzblase der Kriegsanleihen aus dem Ersten Weltkrieg platze und die Weimarer Republik begann Geld zu drucken um den Bürgern die Anleihen auszubezahlen. Eigentlich hätten diese Anleihen von den durch das Deutsche Reich besiegten Alliierten zurückgezahlt werden sollen. Doch vielmehr war es jetzt die Weimarer Republik, die zusätzlich noch erhebliche Reparationszahlungen, besonders an Frankreich, zu leisten hatte. So wurden immer mehr Banknoten in Umlauf gebracht und genauso wie heute verfällt natürlich der Wert, je mehr Banknoten im Umlauf sind.

Löhne und Preise explodierten, bis die Mark schließlich das Wertniveau von Monopoli-Geld erreicht hatte. Schubkarren voller Geld mussten zum Bäcker gefahren werden um Brötchen zu kaufen. Firmen gaben ihren Mitarbeitern am Tag der Lohnzahlung frei, damit sie Lebensmittel kaufen konnten bevor der Lohn nichts mehr wert war.

Auf Planet-Wissen.de werden zum Anfang und zum Höhepunkt der Hyperinflation 1923 folgende Preise für Berlin ausgewiesen:


Juni 1923

Dezember 1923

1 Ei

800 Mark

320 Milliarden Mark

1L Milch

1440 Mark

360 Milliarden Mark

1kg Kartoffeln

5000 Mark

90 Milliarden Mark

1 Straßenbahnfahrt

600 Mark

50 Milliarden Mark

1 US-Dollar

100.000 Mark

4,21 Billionen Mark

Es gab jedoch auch zwei, wenn man so sagen mag, Vorteile an dem schnellen Wertverfall. Wer bespielsweise 1922 noch einen Kredit für ein Haus aufgenommen hatte, konnte diesen 1923 sofort abbezahlen (Prinzip Mark für Mark). Ebenso erkannten einige Unternehmer die Zeichen der Zeit früh genug und tauschten große Mengen Mark in US-Dollar um. Somit konnte den Mitarbeitern eine stabilie Gehaltszahlung gewährt werden.

Im November 1923 wurde mit der Rentenmark eine neue Währung eingeführt, welche die Hyperinflation im Jahr 1924 beendete und parallel zur neu geschaffene Reichsmark galt. Auch die deutschen Kriegsschulden lösten sich somit quasi in Luft auf und die überstandene Krise gab den Startschuss für die Goldenen Zwanziger Jahre.

Inflationsgeld der Reichsbank

Anfangs noch in Tausenderschritten, dann doch schnell immer größer und größer wurden die Nennbeträge der Geldscheine und Münzen.

Teilweise verfiehl der Wert einer Banknote so schnell, dass sie einfach mit einem neuen Betrag überstempelt wurde.


Gelsenkirchener Inflationsgeld

Da die Reichsbank nicht mehr mit dem Drucken neuer Banknoten hinterher kam, wurde sogenanntes Notgeld regional eingeführt. Diese Scheine sollten fehlendes Wechselgeld für die Wirtschaft bereit stellen.


Inflationsgeld der Privatwirtschaft

Auch private Unternehmen begannen 1923 Geld zu drucken, um damit die Angestellten zu bezahlen.

Kaum vorstellbar: Sie kommen am Zahltag mit einer Schubkarre zur Arbeit, ihr Arbeitgeber füllt die Schubkarre mit eigenen Banknoten und danach bekommen Sie und Ihre Kollegen den Rest des Tages frei und liefern sich ein Wettrennen um die notwendigsten Lebensmittel zu kaufen. Und das alles bevor die Schubkarre voll Geld nichts mehr wert ist.


Berliner Illustrierte Zeitung vom 04. März 1923

Kein echtes Schnäppchen, aber ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte ist diese Zeitung, die für 300 Mark am Kiosk erhältlich war.

Zusätzlich  wurde noch der Vermerk "Dieser Preis entspricht erst einem Dollarkurs von 12 000" aufgedruckt, der zeigt, wie sehr die Wirtschaft versuchte sich an den Dollarkurs zu koppeln um eine harte Währung als Anker gegen den Wertverfall zu haben.


Währungsreform mit der Rentenmark

Im November 1923 eingeführt galt die Rentenmark als Mittel die Hyperinflation zu beenden. Der Wechselkurs belief sich auf 1 Billion Mark zu einer Rentenmark und zeigte schon 1924 Erfolge bei der Eindämmung der Inflation.

Das besondere an der Rentenmark war, dass sie nicht wie bisher Gold- oder Dollar-Kurs gebunden war, sondern über Schuldverschreibungen in Form von Grund und Boden gedeckt war. Dadurch konnte eine starke Akzeptanz erreicht werden und bereis am 30. August 1924 konnte wieder eine kursgebundene Währung in Form der Reichsmark eingeführt werden, welche einen Wechselkurs von 1 zu 1 zur Rentenmark hatte. Die Rentenmark als solches war bis 1948 als Parallelwährung weiterhin gültig.

 Aufschwung der "Goldenen 20er Jahre"

Nach der Besetzung der der Wirtschaftskrise erblühte das öffentliche Leben in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Trotz der steigenden politischen Spannungen zwischen Rechten und Linken, wurde ausgelassen gefeiert und das Leben genossen.

Radioaktive 20er Jahre

Ob in der Medizin oder als extravagantes Trinkgefäß. Besonders in den 20er Jahren waren radioaktive Elemente fester Bestandteil des täglichen Lebens.

"Radium"-Mädchen bemalten tagsüber die Ziffernblätter von Uhren und benutzten zum Ausgehen die Farbe als Make-Up. Über die Nebenwirkungen war damals noch nichts bekannt. Entsprechend dramatisch waren die Folgen.

In kleinerer Dosis wurde Radium auch als eine Art Allzweck-Heilmittel eingesetzt, von Husten bis Magenbeschwerden für Jung und Alt, waren Heidelberger Radium-Pastillen in allen Apotheken zu finden.

Weitaus harmloser, dafür aber umso schöner war Uran-Glas: Aufgekommen bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts war Uran-Glas in den 1920er Jahren allseits beliebt. Unter Schwarzlicht gelb-grün "strahlend", kann man noch heute gefahrlos aus den Gläsern trinken, solange diese keine Beschädigungen aufweisen.

Gelsenkirchener in der Weimarer Republik

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